THE VERY BY-GONE SENSATIONS OF OLD WROCLAW / BRESLAU

The Polish author Marek Krejewski has only received most recently the Georg-Dehio-Bookaward 2016. His diverse Breslau crime novels are beyound the normal patterns with the main figure Inspector Mock investigating in the home city of the author, but not in the actual Wroclaw, but in the German Breslau between the two World Wars. Here is an excerpt from one of his books which was also published in English language.

Portrait of Inspector Mock, 1938

All around he heard cries of satisfaction and fierce bargaining. He leaned against the little wall surrounding the fountain in the square and like the Neptune who hovered over it, observed the traders with irony. A fat forester, ruddy with cold and wearing a hat decorated with the emblem of von Maltzan’s Militsch forests, extolled in Silesian German the Advent wreaths he was selling and collected orders for Christmas trees. At a neighbouring stall stood a formidable Silesian woman, her prominent backside wrapped in layers of striped aprons. She was arguing in Polish with her dimunitive husband, who was smiling ingratiatingly at some servant girl and pressing a wicker basket containing a fine-looking goose into her hand. Next to them, a whiskered baker waved his arms and pointed at his spiralling pyramids of pastries snowed over with icing and blackened with poppy seeds. Mock stroked the bottle of schnapps, loitered at the Silesian stall and listened with pleasure to the rustle of the Polish language.”

Marek Krajewski, in: The End of the World in Breslau

DSC_0440Interrogation room of Inspector Mock, 1940

 

ALS DIE WELT IN SCHERBEN FIEL

DSC_0040Detailansicht aus: Mietshaus ohne Adresse, Jurek Kozieras

Assemblagen aus dem untergegangenen Breslau
des polnischen Künstlers Jurek Kozieras
vom 4. Februar 2016 bis 2. März 2016
in der Humboldt-Bibliothek in Berlin-Tegel, Karolinenstr. 19
U-Alt Tegel (U6), S-Tegel (S25), Bus: A124, A125, A133, A220 und A222

Finissage mit Lesung  des polnischen Schriftstellers Jacek Inglot
am 2. März 2016 um 19.30 Uhr  am gleichen Ort
mit Passagen aus dessen Roman „Vertrieben“ in deutscher Sprache

Veranstalter: Deutsch-Polnische Gesellschaft Berlin & Humboldt-Bibliothek

Stammbuch_Johann_Gottfried_Rüde_Illustration_Breslau_1760Breslau während des Siebenjährigen Krieges,  Johann-Gottfried Rüder, 1760

Die Stadt Breslau in Schlesien bzw. Polen kann auf eine über 1000-jährige und bewegte Geschichte mit unterschiedlichen Akteuren zurückblicken, sodass die Stadt heute von vielerlei kulturellen Einflüssen profitiert. Dabei gab es immer wieder Katastrophen wie zum Beispiel Stadtbrände im Mittelalter, wobei die Stadt aber nur zweimal durch kriege-rische Handlungen sprichwörtlich ausgelöscht wurde. Nach dem Einfall der Mongolen in Zentraleuropa im Jahre 1241 komplett geplündert und zerstört, wurde die Stadt unmit-telbar danach von deutschen Siedlern wiederaufgebaut, was bis 1261 dauerte, und sie waren für viele Jahrhunderte bis 1945 die prägende Kraft der Stadt.

Neumarkt 1945Breslau, Neumarkt (Plac Nowy Targ), 1945

Gegen Ende des 2. Weltkrieges erklärten die Nazis die Stadt Breslau im Jahr 1945 als Ganzes zur militärischen Festung, die es mit allen Mitteln zu verteidigen gälte. Durch den hierdurch entstandenen Häuserkampf zwischen der Wehrmacht und der Roten Armee in großen Teilen verwüstet – wurde die Stadt danach in zweifacher Hinsicht ein Symbol der Migration und Vertreibung, denn gemäß den Vereinbarungen der Alliierten mussten nach Ende des 2. Weltkrieges nahezu alle noch verbliebenen deutschen Bewohner die Stadt und Schlesien verlassen, um Platz zu machen für expatriierte Polen aus polnischen Gebieten im Osten – Territorien, die nunmehr von der Sowjetunion besetzt und beansprucht wurden. Die neuen polnischen Bewohner und Bürger haben mit viel Mühe und Energie über längere Zeit Breslau nach den Wirren des Kriegs wiederaufgebaut, sodass man auch heute wieder die vielen historischen Häuser der verschiedenen Bauepochen und Stile in der Altstadt bewundern kann.

DSC_0051Die fünfte Fassade des Marktes,  Jurek Kozieras

In seinen Assemblagen setzt sich deren Erschaffer Jurek Kozieras seit dem Jahr 2000 quasi archäologisch mit der Stadtgeschichte Breslaus auseinander. Seine Arbeiten sind aus Alltagsgegenständen bzw. Resten davon entstanden, die er in der Nähe seines Hauses im Breslauer Stadtteil Herdain (Gaj) gefunden hat, nachdem Bagger dort im Rahmen eines Neubaus mit Erde und Schutt all diese Relikte und Schätze der ehemaligen deutschen und jüdischen Bewohner aus der Tiefe ans Tageslicht beförderten.

DSC_0102Detailansicht aus: Meine kobaltblaue Ballade,  Jurek Kozieras

Entstanden sind hierdurch phantastische, surreale und teilweise auch gemalte Objekte aus einer Grenzregion im Spannungsfeld unterschiedlicher nationaler Diskurse, auch wenn sich die Grenze zwischen Polen und Deutschland seit 70 Jahren nach Westen an die Ufer von Oder und Neiße verschoben hat. Für Jurek Kozieras ist es bei seiner Arbeit mit den historischen Fundstücken aber nicht wichtig, welche Nationalität die früheren Benutzer dieser alltäglichen Dinge hatten, sondern einzig und allein die Tatsache, dass es sich hierbei um Spuren und von der Geschichte vergessene Hinterlassenschaften ehemaliger Breslauer handelt, die in diesen Arbeiten wieder Gehör in der heutigen Zeit finden.

DSC_0084.JPGReisefieber, Jurek Kozieras

Der regionale Aspekt ist also eine treibende Kraft dieser Kreationen, welche in der Tradition von Kurt Schwitters oder auch von Hannah Höch stehen. Die während der sehr langen kommunistischen Ära verdrängte deutsche und jüdische Geschichte der Stadt bekommt durch diese Arbeiten so auch wieder einen Platz im Gedächtnis der heutigen Bewohner, und die Ausstellung seiner Assemblagen stieß vor 10 Jahren in Breslau auf so großes Interesse, dass die Ausstellung dort verlängert werden musste.

DSC_0127Detailansicht aus: Hoinstein bei Breslau, Jurek Kozieras

Im Jahre 2016 ist Breslau nun Kulturhauptstadt Europas (zusammen mit San Sebastian im Baskenland), und diese hier nun gezeigte Ausstellung Als die Welt in Scherben fiel mit einer Auswahl von 25 Exponaten in der Humboldt-Bibliothek in Berlin-Tegel ist die erste Veranstaltung der Kulturhauptstadt Breslau in Berlin.

DSC_0066Detailansicht aus: Ode an den Kölner Dom, Jurek Kozieras

DSC_0061Gespräch mit Kurt, Jurek Kozieras

In einer Zeit, wo eine Vielzahl von Politikern in allen möglichen Ländern wieder eifrig alte Feindbilder längst vergangener Zeiten reaktivieren und pflegen, sind diese Assemblagen im Gegensatz dazu visionäre und sehr komplexe Botschaften einer bei aller gepflegten Tradition auch modernen und aufstrebenden Stadt im Herzen von Europa.

DSC_0057Schlesische Schlösser,  Jurek Kozieras

Weitere Informationen zu Breslau und dem diesjährigen Kulturprogramm hier:

http://www.wroclaw.pl/go/veranstaltungen