DAS HALBMONDLAGER UND EIN HEILIGER KRIEG BEI ZOSSEN


Vollkommen zufällig stolperte ich irgendwann im letzten Jahr über die obige 100 Jahre alte Postkartenabbildung, die mich neugierig machte zu erfahren, was es damit auf sich hatte, denn eine Moschee irgendwo in den Weiten der Mark Brandenburg hatte ich vorher noch nie gesehen. Die Postkarte zeigt Teile des sogenannten Halbmondlagers in Wünsdorf inklusive der lagereigenen Moschee.

Das Halbmondlager wurde zu Beginn des 1. Weltkrieges im damaligen Wünsdorf bei Zossen im heutigen Landkreis Teltow-Fläming als Lager für ungefähr 30.000 kriegsgefangene muslimische Araber, Afrikaner und Inder (aber auch Hindus und Sikhs) errichtet, die 1914/1915 als Teil der britischen und französischen Armee aus den Kolonien in den unbarmherzigen und menschenfressenden Graben- und Stellungskrieg an der Somme und andernorts geschickt wurden.

Ehemaliger Standort des Lagers / der Moschee im November 2016

Neben den Insassen dieser beiden Kolonialarmeen waren dort aber auch muslimische Angehörige der Kaiserlich Russischen Armee interniert. Im Halbmondlager selbst wurde nun aktiv versucht, die dort inhaftierten Kriegsgefangenen zum Wechseln der Seiten zu bewegen als Teil eines muslimischen ‚Heiligen Krieges‘ gegen die beiden Kolonialmächte England und Frankreich,  “um mit lokalen Herrschern und Stammesfürsten eine Art Guerilla-Krieg zu führen und dadurch möglichst viele englische und französische Truppen zu binden, die dann auf dem europäischen Kriegsplatz fehlen würden”. (1)

Freizeitgestaltung und Essensausgabe im Halbmondlager Wünsdorf um 1915

Auf Wunsch des Muftis von Konstantinopel wurde daher auch die oben abgebildete Moschee aus Holz 1915 im Lager errichtet (die erste Moschee in Deutschland überhaupt). Dies wurde “durch Besuche und Reden vor allem türkischer, tatarischer und arabischer Politiker und Journalisten ergänzt, die die Gefangenen nicht nur im Sinne deutsch-osmanischer Waffenbrüderschaft und panislamischer Solidarität zu beeinflussen trachteten.” (2) Neben den täglich stattfindenden Unterrichtungen gab es auch propagandistische Lagerzeitungen in mehreren Sprachen; daneben wurde auf die strikte Einhaltung muslimischer Regeln (z. B. Fasten im Ramadan)  ganz besonders geachtet. Wie viele Lagerinsassen dann tatsächlich die Seite wechselten, ist allerdings nicht zweifelsfrei belegt.

Historisch gesehen ist diese – auf deutscher Seite maßgeblich durch den Orientalisten und Diplomaten Max von Oppenheim forcierte Strategie –  auf jeden Fall nichts Neues. “Schon der sagenumwobene muslimische Herrscher Saladin war wiederholt Bündnisse mit den Franken gegen rivalisierende Muslime oder Christen eingegangen.  …  Das Osmanische Reich hatte in den meisten, um nicht zu sagen, in allen militärischen Konflikten seiner Geschichte zum Heiligen Krieg aufgerufen.” (3)

Als Relikt dieser dubiosen Vergangenheit in Brandenburg findet sich heute allerdings nur noch der indische Friedhof von Zehrensdorf, vom Halbmondlager selbst ist nichts mehr übrig geblieben außer dem Straßennamen Moscheestr. in der heutigen Gemeinde Waldstadt (Stadtteil von Zossen), ein Weg, der zum ehemaligen Standort der Halbmondlager-Moschee führt, heute jedoch eine postmoderne Einöde.

Indisches Relief auf dem Friedhof in Zehrensdorf

Außerhalb von Zossen rund 500 m abseits der Landstraße L74 in einem Waldstück gelegen befindet sich schließlich der Ehrenfriedhof für die 206 in Gefangenschaft verstorbenen indischen Soldaten des Halbmondlagers. Dieser letzte Ruheort wurde 2005 in der Ortswüstung des ehemaligen Zehrensdorf als Zehrensdorf Indian Cemetery neu eingeweiht. Auf dem Gelände befindet sich auch ein Mahn- und Grabmal für die muslimischen Tataren aus Russland, die hier vor Ort verstarben.

Auf einer bronzenen Gedenktafel am Eingang des indischen Friedhofs ist in Deutsch und Englisch zu lesen, dass die hier bestatteten indischen Soldaten für ihr Land fielen, und das ist schon ein wenig zynisch, denn kein deutscher, österreichischer oder osmanischer Soldat hat während des 1. Weltkrieges oder davor und danach jemals indischen Boden betreten, um dort Unfrieden zu stiften oder gar dies ferne Land zu besetzen. Und wer möchte schon fern der Heimat in einem vollkommen sinnlosen Krieg sterben? Und so wundert es nicht, dass es in den ehemaligen Kolonien Marokko, Algerien, Tunesien, Indien, Pakistan und Singapur großen Widerstand und auch richtige Aufstände gegen den Kriegseinsatz im fernen Europa gab, was jedoch überall von den Kolonialmächten rücksichtslos unterdrückt wurde. Und ohne diese Kolonial-Truppen (insbesondere der aus Indien) wäre der Verlauf des Krieges  auch ein anderer gewesen.

Indische Einzel-Grabstätte auf dem Friedhof in Zehrensdorf

Die Friedhofsanlage ist sehr gepflegt, und es ist gut, dass es diese Orte der Erinnerung gibt, wo eine auch kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte stattfinden kann. Bei meinem Besuch waren gerade Gärtner damit beschäftigt, die Spuren des Herbst zu beseitigen, auch fielen mir viele neue individuelle Grabsteine auf, nur ist es ein doch recht abgelegener und irgendwie vergessener Ort in der Weite der Mark Brandenburg eingesäumt von den typischen märkischen Kiefern und Wäldern. Also wie oft werden hier wirklich einmal Besucher stranden? Ich sah nur einige wenige Spuren von Besuchern, vertrocknete Reste von Gedenkkränzen, die dort wohl einmal im Jahr abgelegt werden. Die leicht neblige und trübe Witterung sowie der feuchtkalte Wind des Novembers 2016 passten genau zu diesen irritierenden fremdartigen Eindrücken einer anderen Zeitepoche.

 

(1)  Loth/Hanisch (Hrsg.), Erster Weltkrieg und Dschihad, München 2014, S. 15
(2)  Gerhard Höpp, Muslime in der Mark, Berlin 1997, S. 73
(3)  Stefan M. Kreutzer, Dschihad für den deutschen Kaiser, Graz 2012, S. 61

 

 

Author: urban liaisons

I like travelling through the diverse realities and cultures of this world not only as a tourist. So this may also happen by simply imaginating the hidden rivers and caves of consciousness where postmodern nomads are crossing wide endless landscapes leading to a dream of no-where. My favourite areas are deserts like the sahara or high mountains, as in these empty terrestric regions the far-away horizon and sky is no limit anymore but a possible gate to inspiration and freedom. Posts will be published normally in English, but whenever appropriate also only in my mother tongue German. Unless otherwise mentioned or individually specified (for example by naming the author, artist, etc.) all texts, photos and/or graphic illustrations in this blog are subject to © urban liaisons (which may please be respected).

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